Literatur in Rietberg

Inge Jens, Hellmuth Karasek, Juli Zeh und andere ...

Neue Lesungen, Begegnungen und Gespräche in der Emsstadt

 

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Sie fanden erst als letzte Eingang in das neue Jahresprogramm von „Literatur in Rietberg", sind aber sicherlich die prominentesten Gäste der kommenden Saison: Hellmuth Karasek, der im Dezember sein neuestes Buch in Rietberg vorstellen wird, und Inge Jens, deren „Unvollständige Erinnerungen" in dieser Woche auf Anhieb Platz 3 der SPIEGEL-Bestseller-Liste erklommen. Die berühmte Literaturwissenschaftlerin und wohl bedeutendste Frau der deutschen Thomas-Mann-Forschung wird am 4. Februar 2010 in Rietberg zu Gast sein.

 

Auch im neuen Literaturprogramm der Stadtbibliothek Rietberg, das gemeinsam mit dem kulturig e. V. und der Rietberger Buchhandlung Lesezeichen, großzügig unterstützt von der Dr. Klaus Seppeler Stiftung, nunmehr im siebten Jahr durchgeführt wird, weist erneut eine stattliche Reihe illustrer und spannender Namen des deutschen Literaturbetriebs auf. Einige Veranstaltungen aber finden dieses Mal unter besonderer Themenstellung und in Kooperation mit weiteren Veranstaltern statt. So gehören der Vortrag des Kölner Publizisten Ralph Giordano am 16. November und die Lesung des Romanciers Edgar Hilsenrath am 1. Dezember zu den Rietberger Begleitveranstaltungen zu der Ausstellung „9.11.1938 - Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe", die vom 29. Oktober bis zum 18. Dezember 2009 im Kreishaus in Gütersloh gezeigt wird.

© El Sauaf © El Sauaf

Der Auftakt, noch vor dem Start der kulturig-Abo-Reihe 2009/2010, ist diesmal der regionalen Literatur gewidmet. Jürgen Buchmann, in Schaumburg-Lippe geboren und seit 1975 als Schriftsteller und Lehrender an der Universität Bielefeld tätig, schreibt Satiren, Essays, Übersetzungen und poetische Prosa. In Rietberg liest er nach den Sommerferien am 27. August aus seinem ostwestfälischen Kultroman „Hermannsverfinsterung" und gibt einige Kostproben aus seinem im Dezember erscheinenden Buch „Helden. Geschichten aus Ostwestfalen". Bei diesen „Helden" steht, den aktuellen Kultur- und Ausstellungsereignissen entsprechend, sein Quintilius Varus und dessen geheime Korrespondenz an erster Stelle.

© Autorenarchiv Susanne Schleyer © Autorenarchiv Susanne Schleyer

Am 22. September stellt die aus Ungarn stammende Schriftstellerin Terézia Mora im Ratssaal des Alten Progymnasiums ihren neuen Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent" vor. In der von akuter Krise bedrohten Welt des internationalen Exportgeschäfts sucht der bisher glänzend erfolgreiche Verkäufer Darius Kalm seine ökonomische Stellung, seine Ehe und sein Selbst in der Abdrift einer global vernetzten Realität zu halten. Schon Terézia Moras erster Roman „Alle Tage" (2004) war bei der Kritik wie bei der Leserschaft in gleicher Weise ein großer Erfolg.

© Hagen Schnauss © Hagen Schnauss

Nach Ausflügen in die Welt der Musik („Die kleinen Gärten des Maestro Puccini", 2008) kehrt der ungemein produktive Romancier, Lyriker und Bühnenautor Helmut Krausser mit seinem neuen Roman „Einsamkeit und Sex und Mitleid" zurück auf das Pflaster der harten Großstadtrealität Berlins. Darüber hinaus wird Krausser am 8. Oktober in Rietberg auch Gedichte vortragen. Seine besten Gedichte aus 30 Jahren versammelt in diesem Jahr der Band „Auf weißen Wüsten".

© Fotostudio Scharfgans © Fotostudio Scharfgans

Zum zweiten Mal nach Rietberg kommt am 16. November 2009 der große Romancier, Journalist, Sachbuchautor und Dokumentarfilmer Ralph Giordano. Nicht zu einer Lesung, sondern zu einem politisch-historischen Vortragsabend wurde der wortgewaltige und streitbare Publizist dieses Mal eingeladen. Giordano spricht im Rahmen zahlreicher weiterer Veranstaltungen zum Gedenken der Novemberpogrome im Jahre 1938. Der Titel seines Vortrags lautet: „Es begann nicht am 9. November 1938 - Gedanken zu einem deutschen Schicksalsdatum." Diese Veranstaltung gehört nicht zum kulturig-Abo. Karten, auch ermäßigte für Schüler und Studenten, können aber ab sofort erworben werden.

© Volker Dittrich © Volker Dittrich

In den Kontext dieses Gedenkens gehört auch die Lesung des jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath am 1. Dezember. Der Überlebende eines Ghettos in der Ukraine wurde vor allem durch seinen Roman „Der Nazi und der Friseur" (1977) bekannt. Unvergessen ist auch sein wunderbar trauriges Buch „Das Märchen vom letzen Gedanken" (1989), das vom Völkermord an den Armeniern erzählt. In Rietberg wird Hilsenrath unter dem Titel „Sie trommelten mit den Fäusten den Takt" aus verschiedenen Texten lesen und mit seinem Verleger Volker Dittrich ein Gespräch über sein Leben und Werk führen. Die gemeinsam mit der Katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Baptist durchgeführte Veranstaltung beginnt um 20.00 Uhr in der Franziskanerkirche zu Rietberg.

Ende Oktober erscheint das neue Buch des bekannten Journalisten, Kritikers und Romanciers Hellmuth Karasak, und am 14. Dezember wird er in Rietberg zu Gast sein. Unter dem Titel „Ihr tausendfaches Weh und Ach. Was Männer von Frauen wollen" beschäftigt sich der aus Presse, Funk und Fernsehen bekannte Publizist, der seit einiger Zeit zusammen mit Henning Scherf auch ein Spezialist für das Altern geworden ist, mit dem ewig wiederholten männlichen Wechselbad zwischen Liebe und Verlieren, Leidenschaft und Erkalten. Er erzählt von den unendlichen Versuchen, zu lieben, zu flüchten, zu erobern und zu vergessen.

© B. Friedrich © B. Friedrich

Im September 2005 war Eva Menasse bei „Literatur in Rietberg" zu Gast. Jetzt kommt der Bruder. Mit Robert Menasse ist es gelungen, einen der eigenwilligsten österreichischen Erzähler und Essayisten der Gegenwart in das Programm aufzunehmen. Am 14. Januar liest der abwechselnd in Wien und Amsterdam lebende Autor aus seinem neuen Erzählungsband „Ich kann jeder sagen. Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung". Dreizehn Ich-Erzähler erinnern sich an besondere historische Ereignisse, die prägend für ihr Leben wurden. Wie ist das, wenn man gerade am Tag des Mauerfalls den Termin auf dem Standesamt hatte?

© Manfred Grohe © Manfred Grohe

Ein weiteres Kapitel zum Themenbereich „Die Manns" wird nahezu zwangsläufig aufgeschlagen werden, wenn am 4. Februar 2010 die Tübinger Germanistin, Historikerin und Biografin Inge Jens aus ihren „Unvollständigen Erinnerungen" liest. Die Herausgeberin von Briefen und fünf Bänden der Tagebücher Thomas Manns, die auch die Lebensgeschichte von dessen Frau Katia Mann und deren Mutter Hedwig Pringsheim schrieb, war selbst auch immer eine Frau „an der Seite" ihres Mannes, des glänzenden Altphilologen, Übersetzers, Schriftstellers und Professors für Rhetorik Walter Jens, von dem sie auch in der Beschreibung seiner Krankheit ein wunderbar einfühlsames Porträt zeichnet.

 

© David Finck © David Finck

Den vorläufigen Abschluss der Literaturreihe bildet diesmal die 1974 in Bonn geborene Schriftstellerin Juli Zeh mit ihrer Lesung am 18. März. Nach bedeutenden Romanen wie „Spieltrieb" (2004) und „Schilf" (2007) liefert sie mit „Corpus Delicti. Ein Prozess" (2009) den erschreckenden utopischen Roman über eine Gesundheitsdiktatur künftiger Tage. Das im Jahre 2057 spielende Buch beschreibt eine Gesellschaft, die alle und alles kontrolliert. Gesundheit ist zur höchsten Bürgerpflicht geworden. Verlangt wird ein festes Sportpensum ebenso wie die Abgabe von exakten Schlaf- und Ernährungsberichten. Über jeden Schritt seiner Bürger ist der Staat informiert. Ein spannend-visionäres, vor allem nachdenklich stimmendes Buch, weit über den Tag hinaus.