Michael Kleeberg und sein Roman „Vaterjahre“

Deutsche Zustände und ein Jahrhundertpanorama: Der zweite Teil von Kleebergs großer Karlmann-Trilogie ist erschienen

Mittwoch, 07. Januar 2015, 20:00 Uhr

Ratssaal des Alten Progymnasiums Rietberg, Klosterstr. 13

VVK: 7,70 € inkl. VVK-Gebühr | AK: 9,00 €

Ein Mann, seine Frau(en), seine Kinder, seine Familie, seine Arbeit, seine Freunde. Seine Stadt. Seine Zeit. Karlmann Renn ist ein moderner Jedermann zwischen Lächerlichkeit und Triumph, und sein Alltag, der Weltalltag unserer Epoche. Michael Kleebergs neuer Roman „Vaterjahre“ (2014) erzählt von der Liebe und Sorge eines Vaters, von Selbstbehauptung im Beruf, von der Konfrontation mit Kindheit und Familie, den Abgründen der Freundschaft, den Verlockungen des Ausbruchs und vom Einbruch des Todes. Es ist die Geschichte des mühevollen Reifeprozesses und der Bewährungsproben des Geschäftsführers Karlmann Renn, der sein Leben ohne die Tröstungen der Religion, der Kunst und der Philosophie zu meistern hat.

Zugleich zeichnet der Roman ein breites Panorama eines unbekümmerten hamburgisch-norddeutschen Geschäfts- und Gesellschaftslebens um die Jahrtausendwende, kurz vor dem Anschlag auf die Twin-Towers von New York. Michael Kleeberg gestaltet seine Welt mit vielfältigen Stimmen, Klängen und Rhythmen, durch die multiplen Perspektiven seines Erzählens. Komik und Tragik, Lakonie und Zärtlichkeit – die sprachschöpferische Lust dieses Romans ist so groß wie seine Präzision unerbittlich.

 

„Michael Kleeberg kann Romanszenen ausfalten, die ohne Zweifel zum Besten der deutschen Gegenwartsliteratur gehören“, schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“. Doch sieben Jahre hatten die Leser warten müssen, bis Kleeberg jetzt diese großartige für sich selbst abgeschlossene Fortsetzung seines genialen Romans „Karlmann“ aus dem Jahre 2007 folgen ließ. Unvergessen bleibt dieser grandiose Auftakt der als Trilogie geplanten Romanreihe, der virtuos verwoben noch ganz vom Geist der des Wimbledon-Siegs des jungen Boris Becker im Jahre 1985 durchleuchtet war. Jetzt, 15 Jahre später, erfolgreich und fast reich, ist Karl Renn ruhiger geworden, noch nicht „at rest“, aber doch gelassener, souveräner, vielleicht auch etwas gnädiger mit sich selbst.

 

In der Zwischenzeit hat Michael Kleeberg einen so meisterhaft komponierten und schrecklich schönen Roman wie „Das amerikanische Hospital“ (2010) vorgelegt. Das Buch, ästhetisch sehr überzeugend, spielt überwiegend in Paris und stellt in einem gleichsam globalen Ansatz die Risiken und Ängste einer erfolgreichen Frau bei den Versuchen einer In Vitro Fertilisation den posttraumatischen Leiden eines aus dem Irak-Krieg heimkehrenden Offiziers gegenüber.

 

Michael Kleeberg wurde 1959 in Stuttgart geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Böblingen und Hamburg, wo er später auch Politische Wissenschaften und Neuere Geschichte sowie an der Hochschule der Künste Visuelle Kommunikation studierte. Ab 1983 folgten einjährige Aufenthalte in Rom, West-Berlin und Amsterdam. 1986 siedelte er nach Paris über, wo er von 1987 bis 1994 neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit Mitinhaber einer kleinen Werbeagentur war. Seit 2000 lebt er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen (Marcel Proust) und Englischen (John Dos Passos) in Berlin. Er verfasst außerdem Artikel zu politischen und literarischen Themen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, so unter anderem für „Die Welt“, den „Spiegel“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

 

Zu Kleebergs wichtigen früheren Romanen zählen „Proteus der Pilger“ (1993), „Ein Garten im Norden“ (1998) und „Der König von Korsika“ (2001). Für ein literarisches Werk wurde er mit dem Anna-Seghers-Preis (1996), dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2000) und dem Irmgard-Heilmann-Preis (2008) ausgezeichnet, und 2008 war Michael Kleeberg Mainzer Stadtschreiber.