Marcel Beyer: „Putins Briefkasten“ und „Graphit“

Mittwoch, 27. Mai 2015, 20:00 Uhr

Ratssaal des Alten Progymnasiums Rietberg, Klosterstr. 13

VVK: 8,80 € inkl. VVK-Gebühr | AK: 11,00 € | Abo

Marcel Beyer ist ein risikofreudiger Autor, der weder die harten Themen noch die experimentelle Darstellungsform scheut. Manchem gilt er im Sinne von Kleist als ein Vordenker für die Zukunft, der sich wohl gerade deshalb in seinen Gedichten, Romanen und Essays immer wieder auf höchst eigenwillige Weise mit der deutschen Geschichte, insbesondere mit der des Dritten Reiches, auseinandergesetzt hat. Ob der große Roman, die schmale Erzählung oder seine oft spröde Lyrik der Materialität und Mehrstimmigkeit, immer lotet Beyer die Grenzen von Wahrnehmung, Ton und Bewegung aus. Seine Souveränität im Umgang mit seinem Material, mit den Kollegen, mit der Zeitgeschichte, dem Zeitgeist und den in ihm taumelnden Menschen gilt als nahezu unvorsehbar-überwältigend. Seine Texte führen, wie es heißt, stets in ein offenes poetisches Gelände.

 

Kein Wunder, dass er mit höchsten Preisen und Auszeichnungen gleichsam überschüttet wurde und wird, darunter das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium (1991), der Uwe-Johnson-Preis (1997), der Tübinger Hölderlinpreis (2003), der Erich-Fried-Preis (2006) und auch der Joseph-Breitbach-Preis (2008). Zuletzt wurden ihm 2014 der Kleistpreis und der Oskar-Pastior-Preis zuerkannt. 

Die Bücher von Marcel Beyer sind kostbar. Sie erscheinen nicht in rascher Folge. Nach zwölf Jahren legt er im Jahre 2014 wieder einen umfänglichen Band mit Gedichten vor. Er trägt den programmatischen Titel „Graphit“. Die motivische Klammer ist die Materialität: Es geht um Dinge, ganz gleich ob Blume, ob Feder, ob Scheiße oder Abendland. Es geht um Sachverhalte, die sich bei den Kollegen aus allen Zeiten finden und neu integrieren lassen.

 

Materialität wird zum unterscheidenden Merkmal der anderen Künste, deren Echowirkung viele dieser Gedichte einfangen: das von Photographien angeregte Schreiben, das Schreiben mit der Perspektive, dass ein entstehendes Gedicht von einer fremden Stimme vorgetragen werden wird, und sogar dazu gesungen. Dabei haben viele der bis in das Jahr 2001 ausgreifenden Gedichte etwas Szenisches: Eine Figur erhält Materialität durch ihre Verkörperung im Bühnenraum.

Den Schwerpunkt der Lesung in Rietberg aber stellen Texte aus dem Band „Putins Briefkasten. Acht Recherchen“ (2012) dar, der Beyers bisher unveröffentlichte Erzählungen und Denkbilder versammelt. Worum geht es in der Titelgeschichte? Eines Morgens, in einer ihm „selber nicht ganz klaren Anwandlung“, fährt Marcel Beyer an den Stadtrand von Dresden, um dort einen Briefkasten noch einmal zu sehen, nicht irgendeinen, sondern den von Wladimir Putin, der in den achtziger Jahren hier gelebt hat. Er findet ihn nicht mehr vor. Aber was Beyer auf seiner Spurensuche wahrnimmt und aufschreibt, entwickelt sich unter seiner poetischen Hand zu einem Kurzporträt Putins, das erhellender ist als jede dickleibige politische Biographie.

 

Was immer Beyer hier in seinen Erzählungen und Skizzen in den Blick nimmt - seien es Blumen oberhalb des Genfer Sees, eine von Rimbaud aufgegebene Kleinanzeige, ein einäugiger Löwe im Dresdner Zoo, von Dostojewskij zum Brüllen gebracht, ein kleinformatiges Gemälde von Gerhard Richter oder Lessings Ofenschirm in Wolfenbüttel, stets entzünden sich an konkreten Phänomenen seine Überlegungen zu Sprache, Kultur und politischer Geographie. „Putins Briefkasten“ ist ein Buch über Wahrnehmung, Stil, über das Hören und Schreiben. Und wir werden, während wir diese Abfolge einzelner Momente und Bewegungen staunend lesen, so ganz nebenbei zu blitzartigen, überraschenden Einsichten geführt.

 

Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Sein Studium der Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen schloss er 1992 als Magister Artium mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab. Ab 1989 gab er an der Universität Siegen gemeinsam mit Karl Riha die Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“ heraus. Von 1990 bis 1993 arbeitete er als Lektor an der Literaturzeitschrift „Konzepte“ mit. Von 1992 bis 1998 veröffentlichte er in der Musikzeitschrift „Spex“. 1996 und 1998 war er „Writer in Residence” am University College London und an der University of Warwick in Coventry. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.

 

Marcel Beyer betreute als Herausgeber die Werkausgaben von Friederike Mayröcker, „Gesammelte Prosa“ (2001) und „Gesammelte Gedichte“ (2004). Zu seinen wichtigsten bisherigen Büchern gehören die Romane „Flughunde“ (1995), „Spione“ (2000) und „Kaltenburg“ (2008), die Lyrikbände „Falsches Futter“ (1997) und „Erdkunde“ (2002) sowie sein grandioser Essayband „Nonfiction“ (2003). Im Frühjahr 2014 erschien der Roman „Flughunde“ umgearbeitet zur „Graphic-Novel“ als ein neues gemeinsames Werk des Autors und der Zeichnerin Ulli Lust. Als Marcel Beyer im November 2006 zum ersten Mal in Rietberg zu Gast war, las er seine Erzählung „Vergesst mich“ (2006) und einige Gedichte.